"Arme Leute" – Dieter Paul Rudolph über die Entstehung

Arme Leute - oder Das Krimischreiben als Achterbahnfahrt

Ein Privatdetektiv aus Hessen kommt ins kleine saarländische Städtchen B. Er möchte dort bei einem Kollegen einen neuen Job antreten, doch leider – der Kollege ist verschwunden. Die freundliche Nachbarin verschafft ihm Zugang zum Haus. Woran hat der so plötzlich Verschwundene gearbeitet? Und was ist ihm widerfahren?
So beginnt mein Krimi "Arme Leute" in der Erstfassung von 2004. Die Leser des Buches werden erstaunt sein, denn dort gibt es weder einen hessischen noch einen saarländischen Detektiv, verschwunden ist auch niemand – nur die freundliche Nachbarin ist übrig geblieben... Was ist passiert?
Damals, 2004, schien mir dieser Einstieg eine tragfähige Idee zu sein. Im Hinterkopf brütete zudem etwas, ein "Vergehen gegen die Genregesetze" sozusagen, wir wollen es im Folgenden den "Faktor X" nennen. Ich begann zu schreiben. Viel schneller, viel flüssiger als sonst. Statt den üblichen zwei Seiten am Tag waren es plötzlich 10, 12... und nach drei Tagen und etwa 35 Seiten war Schluss. Ende. Nichts ging mehr. Die Story verlief sich irgendwie und irgendwo, ich legte ein kleines Päuschen ein, setzte wieder an, aber die Sache war hoffnungslos. Okay. Die Geschichte kam auf Wiedervorlage, im ungünstigsten Fall am Sanktnimmerleinstag.
Etwa ein Jahr später bekam ich einen meiner sporadischen und natürlich am Ende hoffnungslosen Anfälle, ein wenig Ordnung in meine angesammelten Papiere zu bringen. Dabei fiel mir ein Flugblatt der örtlichen Jusos in die Hände. Es stammt aus dem Jahr 1981 und macht Stimmung gegen ein geplantes Großereignis in unserem Städtchen. Unser Städtchen, muss man wissen, gilt als barocke Perle. Im 18. Jahrhundert siedelten sich hier die Reichsgrafen von der Leyen an und errichteten etliche Bauwerke, die sich über die Jahrhunderte erhalten haben. Nur das Schloss gibt es leider nicht mehr, das haben die Franzosen abgefackelt. Legendär wurde vor allem die Reichsgräfin Marianne von der Leyen. Sie hatte nach dem frühen Tod ihres Mannes die Regentschaft übernommen, musste jedoch 1792 vor – schon wieder – den Franzosen fliehen. Sie wohnte fortan in Frankfurt, starb dort und wurde in der Pfarrkirche im hessischen Heusenstamm beigesetzt. 1981 nun gründete sich ein "Freundeskreis Marianne von der Leyen" und setzte sich zum Ziel, die sterblichen Überreste der Reichsgräfin aus Heusenstamm nach B. zu überführen und in der Krypta der hiesigen Schlosskirche beizusetzen. Das fanden nun die Jusos ziemlich doof, aber die feierliche Umbettung der alten Knochen konnten sie dennoch nicht verhindern.
Das war's! Der fehlende Plot für die beiseite gelegte Geschichte! Und einen Titel hatte ich auch schon: "Alte Knochen". Einen hessischen Detektiv brauchte ich nicht mehr, der saarländische genügte. Und natürlich die freundliche Nachbarin... Und das winzige Haus, in dem sie wohnt (das Haus meiner Großeltern mütterlicherseits; wie die dort mit sieben Kindern wohnen konnten, ist mir heute noch ein Rätsel...).Und der geheimnisvolle Faktor X...
Nur leider: Es wurde wieder nichts. Ich verlegte die Handlungszeit aus dem Jahr 1981 in die Gegenwart. Die Umbettung wird vorbereitet und dann... ja, was dann? Ich schrieb ein, zwei Kapitel und musste dann feststellen: Es lief schon wieder nicht. Also erneut auf Wiedervorlage bis zum nächsten Geistesblitz.
Der kam Monate später und eigentlich völlig ohne Anlass. Van Gogh hatte sich ein Ohr abgeschnitten, wie man weiß. Was wäre nun, wenn jemand anderes einem Maler ein Ohr abschneiden würde? Bei einer Ausstellungseröffnung etwa. Ein junges Mädchen mit langen blonden Haaren, als Engel verkleidet. Unser Detektiv ist zufällig anwesend, kann die Tat nicht mehr verhindern, aber wird ihr interessehalber nachgehen. Als Einstieg in einen Roman kommt so etwas Spektakuläres wie ein abgeschnittenes Ohr immer gut.
Tja... muss ich wirklich erwähnen, dass auch dieser Versuch ziemlich trostlos endete? Ich hatte einen Detektiv, eine freundliche Nachbarin, ein junges Mädchen, einen Faktor X, ein abgeschnittenes Ohr, eine feierliche Umbettung alter Knochen – aber ich hatte keine Geschichte. Also weg mit dem Zeug. Statt dessen begann ich mit dem Roman "Menschenfreunde", bei dem alles ganz anders lief. Ein paar Skizzen, und dann gings los. Jeden Tag 2 Seiten, nach vier Monaten war das Ding fertig und wurde zu meinem Krimidebüt. An die "alten Knochen" würde ich mich wohl nicht mehr herantrauen.
Jetzt kommen zwei reizende Damen ins Spiel. Ich mag reizende Damen, aber das heißt nicht, dass ich immer ihren Ratschlägen folge. Bei diesen beiden handelte es sich jedoch um Kolleginnen... ach was, um KRIMIGIGANTINNEN. Mit der einen, Astrid Paprotta, hatte ich mich schon über die Möglichkeiten des Perspektivwechsels und der subjektiven Sicht des Erzählers ausgetauscht, denn darin ist sie nun einmal eine Meisterin. Die andere Dame, Pieke Biermann, ist längst "klassisch" geworden. Wer ihre Kriminalromane nicht kennt, kennt die deutsche Kriminalliteratur nicht. Pieke nun gab mir den Rat, es doch einmal mit der Ich-Perspektive zu versuchen. Das und die Unterhaltungen mit Astrid über subjektive Erzählweisen brachte nun völlig überraschend den großen Umschwung in Sachen "Alte Knochen". Plötzlich stand mir die Geschichte deutlich vor Augen, die einzelnen Elemente, die sich bislang nicht hatten fügen wollten, ergänzten sich plötzlich wie die Stücke eines Puzzles. Ich begann zu schreiben...
Aber irgend etwas fehlte immer noch... Der mysteriöse Faktor X kam ins Spiel. Ganz nett, aber man müsste die Sache noch weitertreiben. Wenn man schon angebliche Regeln bricht, dann aber richtig. Da fiel mir eine Nebenperson ein, die von der ersten Anfängen an durch den Roman gegeistert war. Eine skurrile Person und eigentlich zu nichts nütze... Oder doch? Als auch hier der Groschen fiel, war der Roman so gut wie fertig, er musste nur noch geschrieben werden. Und würde auch nicht mehr "Alte Knochen", sondern "Arme Leute" heißen.
Die Niederschrift dauerte wieder etwa 4 Monate, aber die werte Leserschaft weiß nun, dass so ein Roman sehr viel länger dauern kann. Und dass nicht immer nur eitel Sonnenschein herrscht. Man muss dranbleiben, das Ding irgendwie im Kopf behalten. Man muss Ideen sammeln, abwägen, miteinander in Verbindung bringen, man muss sich über die Sprache, die Dramaturgie Gedanken machen, denn ohne Sprache ist der beste Plot nichts. Dann wird's vielleicht was. – Aber was? Das entscheiden die LeserInnen. Hoffentlich recken sie am Ende dieser Leserunde den Daumen in die Höhe... Viel Spaß beim Lesen vorab...
dpr
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