Martin Bettinger - Ein Galgen für meinen Vater

Martin Bettinger
Ein Galgen für meinen Vater

Zahlreiche Berge haben sie zusammen bestiegen, nun muss der Sohn den Vater auf seiner letzten Reise begleiten, dem Weg hinaus aus der Welt. So unternehmungslustig und froh der Vater durchs Leben ging, so schwer fällt es ihm, Abschied zu nehmen. Als der Tod immer engere Kreise zieht, bündelt er alle verbliebene Kraft, um ihm zu entkommen. Der Sohn soll bei der letzten Flucht helfen.

"Eine Zumutung" nennt Martin Bettinger seine Geschichte und erzählt von der alten Unerhörtheit: Dass man sterben muss und es nicht will, dass man leben will und es nicht kann, dass man den Vater lieben und ihm doch irgendwann den Tod wünschen kann.

Ein Buch von berührender Tiefe und überraschender Komik. So originell das Leben des Vaters verlief, so einfallsreich stellt er sich dem Tod gegenüber. Eine Hymne an das Leben – vor der Aussicht, es zu verlieren.

Den Hut aus der Stirn schieben, sich am Hinterkopf kratzen und den nächsten Einfall aushecken. Das ist mein Vater. Die großen Ohren, die krumme Nase, das ewige Jungengesicht. Er ist der Geruch frischen Kaffees morgens um fünf, und er ist das Geräusch der Schneeflocken auf einem Zeltdach. Auch die Spur hoch zum Winterkreuz ist mein Vater.
Im Schnee zu lesen habe ich von Vater gelernt. Auch meinen Weg durch die Felsen zu finden hat er mich gelehrt. Von den anderen Dingen sagte er nichts, doch auch die lernte ich. Dass der Berg alles vergrößert. Den Schluck Wasser, das Stück Brot, die Regenwolke, den Sonnenfleck. Der Berg fasst dich an, du fasst ihn an, und am Ende bist du wieder der kleine Junge mit dem ganzen Zauber, der durch die Handflächen fließt.
Nur eines haben mir weder Vater noch die Berge verraten. Was man tut, wenn der Vater nicht stirbt. Wenn sein Leben vorbei ist, aber er stirbt nicht. Heute war ich in der Stadt, um sein Auto abzumelden. Ob er je gedacht hätte, dass sein letztes Fahrzeug ein Rollstuhl sein würde? Und sein letztes Möbel ein Galgen?